Blog/ Sein

Vom Mut

Was ist Mut?

Ich bin immer wieder erstaunt über das tolle Feedback zu meinen Texten. Es freut mich, dass sich so viele Leute davon angesprochen fühlen und es in Ihnen etwas anklingen lässt. Viele schreiben mir sogar, dass sie sich in meinen Texten wieder erkennen. Ausnahmslos alle gratulieren mir aber zu meinem Mut. Das irritiert oder belustigt mich meist etwas.

Meine Definition von Mut unterscheidet sich da wohl ziemlich vom Allgemeinempfinden. Ich empfinde es nicht als besonders mutig, mir daheim vor dem Computer Gedanken zu machen. Gedanken zu meinem Leben, meinen Gefühlen und meinem Umgang damit. Denn das mache ich ja sowieso tagtäglich. Neu ist einfach das ich es nun teile. 

Meist geht es um Themen die jeden von uns umtreiben und mit denen sich wahrscheinlich der grösste Teil identifizieren kann. Nur ist das mit den Emotionen, der Angst und der Unsicherheit eine etwas tabubehaftete Geschichte. Jeder hat es, (nicht) jeder spürt es, aber kaum jemand spricht darüber.

Jeder hat es, (nicht) jeder spürt es, aber kaum jemand spricht darüber.


Und das finde ich seltsam. Es wäre doch hilfreich, wenn wir sehen, dass andere dieselben Struggles haben. Getreu dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und wer weiss, vielleicht haben die anderen ja einen guten Umgang damit gefunden, der auch mir weiterhelfen kann?

Ich empfinde keine Scham beim öffentlich Outen meiner Gefühle. Durch die Theorie der TCM habe ich gelernt, dass Emotionen oft der Auslöser für Beschwerden sein können. Da liegt es doch auf der Hand, dass man den Emotionen etwas mehr auf den Zahn fühlt :).

Die andere Seite ist die, dass ich sowieso nichts tun kann, dass ich nicht zu 100 Prozent fühle. Deswegen sind wohl auch die meisten meiner Texte so persönlich.  Meine Texte sollen authentisch sein, gewürzt mit einer Prise Humor und ein paar Emotionen. Sozusagen Real Life auf Papier.

Und manchmal geht das gewaltig in die Hosen. Dann schreibe ich einen ganzen Nachmittag lang an einem Text um am Schluss zu merken, dass er einfach nicht passt. Und am Tag drauf brauche ich eine halbe Stunde um dasselbe stimmig aufs Papier zu bringen.

Genau diese Leichtigkeit möchte ich weitergeben. Egal wie gross die Angst, wie unaushaltbar die Unsicherheit, alles geht vorbei.

Egal wie gross die Angst, wie unaushaltbar die Unsicherheit, alles geht vorbei.


Je mehr wir aber den Gefühlen Raum geben, Ihnen anhaften, sie zu Geschichten werden lassen, desto mehr übernehmen sie das Ruder im Leben. Wir lassen uns von unseren Emotionen einnehmen und leiden (teilweise auch körperlich) darunter. Das kann sich bis zu einer Schockstarre hochschaukeln. Wir sind dann nicht mal mehr fähig auf unsere Umwelt zu reagieren, da wir so gefangen in der Emotion und unserer Geschichte sind.

Gefühl versus Emotion

Diesem Thema hat meine Freundin Britta Kimpel einige ihrer Podcast-Episoden gewidmet (Link siehe unten). Sie unterscheidet darin klar zwischen Gefühl und Emotion. Das Gefühl ist eine körperliche Wahrnehmung (Herzrasen, Enge in der Brust, schwitzende Hände…) während dem die Emotion die vom Kopf gemachte Geschichte dazu ist (Interpretation).

Wenn wir uns also bewusst machen, dass wir vieles zu persönlich nehmen, aus körperlichen Empfindungen schnell eine Emotion machen und uns dauernd Geschichten erzählen, dann können sich die Gefühle auch wieder auflösen.

Ein Gefühl ist nämlich eher eine flüchtige Angelegenheit. Es kommt und geht. Grundsätzlich dauert es eigentlich nur 90 Sekunden bis drei Minuten, bis es wieder abklingt.

Und hier kommt für mich der Mut ins Spiel: Den Entscheid zu fällen, dieses Gefühl wahrzunehmen und auszuhalten.

Und hier kommt für mich der Mut ins Spiel: Den Entscheid zu fällen, dieses Gefühl wahrzunehmen und auszuhalten.


Denn das Aushalten, im Gegensatz zum Verdrängen oder Wegschieben, ist sehr intensiv. Ich erlebe das Gefühl so wie es ist. Durch das Erleben und Annehmen wandelt es sich und löst sich auch wieder auf.

In der chinesischen Medizin brauchen wir dafür das Bild des grünen Bambus, der dem Wind voll ausgesetzt ist, sich unter dessen Wucht biegt, nach dem Sturm aber wieder steht als wäre nichts gewesen.

Die Theorie ist einleuchtend und bestechend simpel. Die Umsetzung gestaltet sich jedoch meist nicht ganz so einfach. Ich selber scheitere oft bereits an der ersten Hürde: dem bewussten Wahrnehmen. Manchmal aus dem simplen Grund, dass ich aktuell nicht hinschauen oder hinfühlen möchte. Und dieses Geschichtenprogramm läuft so schnell und automatisch ab, dass ich meist viel zu spät bemerke, dass ich schon bei der Emotion bin.

Aber das lässt sich schulen. Es braucht viel Geduld, Zeit, Mut (hier nun wirklich :)) und den Willen hinzuschauen.

Meine Geschichten

Ich entdecke in dieser speziellen Zeit ohne klare Strukturen aktuell tagtäglich mindestens eine solche Geschichte. Eine für mich grosse Geschichte die mich seit meiner Kindheit begleitet (und extrem stresst), ist die, dass es zwingend ist, dass ich genügend und super gut schlafen muss, da ich sonst am nächsten Tag nicht funktionieren kann.

Natürlich ist es ideal, wenn ich acht Stunden gut und tief schlafe. Dann fühle ich mich am Morgen einfach fit und erholt und freue mich auf den Tag.  Das ist bei mir eigentlich glücklicherweise meistens der Fall.

Aber es gibt halt immer mal wieder Nächte, in denen es nicht so klappt. Da liege ich morgens um drei Uhr auf dem Sofa und lese, da an Schlaf grad nicht zu denken ist. Dann beginnt das Programm zu laufen; ich überlege mir bereits, wie schlecht denn der kommende Tag werden wird. Und er wird ja dann wirklich schlecht. In meinem Kopf erzähle ich mir dann dauernd die Geschichte, dass ich müde bin und deshalb auch nicht gut arbeiten kann.

In meinem Kopf erzähle ich mir dann dauernd die Geschichte, dass ich müde bin und deshalb auch nicht gut arbeiten kann


Und sowieso sind alle Leute doof, da sie anscheinend nicht merken wie schlecht es mir geht :).

Das lustige ist, als ich erkannt habe, dass auch das nur eine Geschichte ist, wurden die Tage nach den schlechten Nächten viel besser. Ich war eigentlich gar nicht so müde. Ich schiebe an diesen Tagen einfach einen Notfall-Mittagsschlaf ein und das hilft gegen die ärgste Krise.

Inzwischen macht mir eine unruhige Nacht keine Angst mehr. Ich weiss, dass der nächste Tag trotzdem gut werden kann und ich dann halt in der nächsten Nacht wieder schlafe. Ein tolles Gefühl! Es fühlt sich nun viel freier an, denn diese Angst oder der Stress, eventuell zu wenig zu schlafen hat über viele Jahre einen riesigen Raum eingenommen.

Darum kann ich auch nur empfehlen, mutig zu sein. Bewusst hinzugucken und wahrzunehmen was da ist. Und vielleicht die Geschichte zu entdecken die Du Dir schon viel zu lange erzählst.

Alles liebe

Deine Regula

Britta Kimpel Uplevel Podcast Episode 6084

You Might Also Like